Vom Doomer zum Boomer
Daniel Lenz über die Frage, wie die Branche in die KI-Zukunft blickt – recap unserer Doomer-Boomer-Kampagne
Veröffentlicht: 29.10.2026 | Foto / Video: dpr
Ehrlich gesagt hatte ich mit maximal einer Seite gerechnet. Zum zehnjährigen Bestehen des DIGITAL PUBLISHING REPORT haben wir eine Kampagne entwickelt, die – sehr humorvoll zugespitzt – auf die Frage hinaus lief: Wird KI das Publishing killen? Auf der Frankfurter Buchmesse stand nicht nur an unserem Stand, sondern auch bei den Events die wir mit organisiert haben, eine Tafel: oben eine Glaskugel, darin links eine Autorin am Kaminfeuer, rechts eine Reihe schreibender Roboter, darunter die Frage „Publishing 2036. What do you see?“. Besucher:innen konnten sich auf der Seite eintragen, an die sie glauben: links „Doomer?“ (Also die Pessimisten), rechts „Boomer?“ (Die Technologie-Optimisten). Ein Wort, ein Satz oder einfach ein Glückwunsch. Am Ende reichte die Vorderseite nicht aus, wir mussten die Rückseite freigeben – und auch die ist inzwischen voll. Dafür an dieser Stelle ein herzliches Danke an alle, die bei uns zum Stift gegriffen haben.
Solch eine Kampagne liefert meist inhaltlich wenig Input, muss sie auch nicht, es geht ja ums Mitmachen, letztlich um Diskussionsanstöße. Und doch lässt sich an den Boards Interessantes ablesen. Auffällig ist zunächst die Schieflage. In der Mitte (wo fast jeder unterschreiben wollte) und rechts drängen sich die Einträge bis an den Rand, links ist erstaunlich viel Platz geblieben – obwohl ich aktiv auch angeregt hatte, gerne links bei den „Doomern“ zu unterschreiben, meinem eigenen Beispiel folgend, da ich für meine Berufsgruppe der Journalist:innen tatsächlich eher düster sehe.

„If Anyone Builds It, Everyone Dies“?
Die Doomer gibt es durchaus: Jemand hat den Buchtitel „If Anyone Builds It, Everyone Dies“ notiert – die düsterste denkbare Lesart der KI-Debatte –, ein anderer hat aus KI kurzerhand „KI(LLS)“ gemacht und ein Herz dahintergesetzt, was man als Warnung, als Kalauer oder als beides lesen kann. Auf der zweiten Tafel finden sich links dann vor allem Glückwünsche, Unterschriften und ein Herz mit „dpr“ darin. Die Untergangsstimmung, die man nach einem Jahr voller Lizenzstreits, Umsatzsorgen und KI-Abgesänge vielleicht erwartet hätte, ist alles in allem zumindest auf den Boards ausgeblieben.
Zur rechten Seite, den Optimisten: Naiv ist die Haltung hier keineswegs – im Gegenteil. Auffällig viele Einträge knüpfen sie an eine Bedingung. „Zukunft jetzt aktiv selbst gestalten!“ steht da. An anderer Stelle: „Wir haben es selbst in der Hand.“ (Okke Schlüter, HdM). KI sei eine Technologie, schreibt jemand, entscheidend sei, wer sie zu welchem Zweck einsetzt. Auf Englisch heißt es, KI könne menschliche Kunst verstärken – „if used correctly“ (Adam Fritz vom Audio-Dienstleister Pozotron). Und Sourcebooks (in Person von Lynn Sikora, Director of International Marketing & Publicity) hat die Haltung auf drei Wörter verdichtet: „Human first + last“.
„Das eigene Geschäfts-Modell ständig neu erfinden“
Das ist keine Technikbegeisterung, sondern ein Anspruch an die eigene Branche, am deutlichsten formuliert in einem längeren Eintrag: Man sei fest von der „kreativen Schaffenskraft unserer Branche“ überzeugt, Lösungen zu finden und alle Herausforderungen zu bestehen (Bookwire-Innovator Eric Bartoletti). Die ägyptische Verlegerin Dalia Ibrahim bringt es auf die Formel: Chance und Herausforderung zugleich – das eigene Geschäftsmodell müsse man ständig neu erfinden. Und die Tessloff-Verlegerin Katja Meinecke-Meurer hält fest, sie sei Boomer, weil „Zukunft immer nach vorn führt und wir Kinder für die Zukunft stark machen“.
Zwischen den großen Sätzen stehen die kleinen, und die sind oft die besten. „Print wird es weiterhin geben! Nur anders und mit immer neuen Modellen“, meint Matthias Koeffler, Herausgeber Langendorfs Dienst. Einer schlägt vor, KI das Internet übernehmen zu lassen, es dann abzuschalten und wieder Zeit für gute Gespräche und Bücher zu haben (Armin Wirth vom E-Commerce-Lösungsanbieter Wirth und Horn).
Jemand bekennt sich schlicht zu „EXCEL4EVER“, ein anderer schreibt „This too shall pass“, ein dritter „Das ist ok.“ Und quer über die Tafel zieht sich der Glückwunsch von Sebastian Mayeres (knk) mit dem Zusatz: „Don’t forget: It all will be fine.“
BTW: Ganz unten auf der Tafel ist ein Zeitstrahl aufgedruckt, elf Punkte von 2016 bis 2026. Die Besucher:innen haben ihn kurzerhand überschrieben – mit Sätzen, Namen und einer kleinen Zeichnung samt „¡Viva la Vida!“. Schöner hätten wir die nächsten zehn Jahre nicht ankündigen können. Wir haben die Tafeln aufgehoben und schauen 2036 nach, welche Seite recht behalten hat. Mein Tipp: beide ein bisschen. Die Zukunft dieser Branche wird gerade geschrieben – von Hand, mit Filzstift und zum Glück nicht von uns allein.
Und was sagen die Tafeln über uns selbst? Für die Jubiläumsausgabe 10 haben wir zehn Jahrgänge des dpr ausgewertet, gut 7.000 Seiten: Der Anteil der Seiten, auf denen KI vorkommt, stieg in dieser Zeit von 12 auf 62 Prozent. Wir haben also viel über Maschinen geschrieben – womöglich mehr, als der Branche lieb war. Die Einträge an unserem Stand handeln dagegen auffallend oft von Menschen: von Gesprächen, von Büchern, von Kindern, von Zusammenarbeit. „How to work together?“, fragt Plamen Petrov, und das ist vielleicht die klügste Frage auf beiden Tafeln. Ich nehme das als freundliche, aber deutliche Korrektur – und als Arbeitsauftrag für die nächsten zehn Jahrgänge.
Daniel Lenz, Chefredakteur Digital Publishing Report


