„Die DNA der Messe ist B2B“
Joachim Kaufmann und die (neue) Handschrift der Frankfurter Buchmesse
Am 1. November übernimmt Joachim Kaufmann die Leitung der Frankfurter Buchmesse. Einen fertigen Plan hat der frühere Carlsen-Chef nach eigener Aussage nicht, wie er beim Publishing Perspectives Forum „The Future of the International Publishing Industry“ auf der Buchmesse deutlich machte. Doch seine ersten Wochen im Amt lassen drei Linien erkennen: eine schärfere Fachmesse, ein großes Publikumsfestival am Wochenende und eine Branche, die politisch lauter auftritt.
Published: 12.10.2026 | Foto / Video: Frankfurter Buchmesse
Wer am Ende der ersten Messewoche ein Manifest erwartet hatte, wurde enttäuscht. Auf dem Publishing Perspectives Forum „The Future of the International Publishing Industry“ sprach Kaufmann im Gespräch mit Andrew Albanese, dem Chefredakteur von Publishing Perspectives, ganz offen und sagte, er habe viele Ideen, aber keinen Plan. Wer nach wenigen Wochen im Amt schon eine fertige Vision samt Umsetzung präsentiere, sei ein schlechter Manager.
Formal ist Kaufmann bereits Geschäftsführer, doch diese Messe war noch die von Jürgen Boos. Der übergibt Ende Oktober, Kaufmann übernimmt am 1. November. Seit dem 1. September ist er in Frankfurt. Die Monate davor, nach dem Abschied von Carlsen Ende März, nutzte er für Familie, Reisen und die Einarbeitung mit Zugang zu Teams und E-Mail.
An die Stelle des Plans setzt er einen Prozess. Mit 30 bis 40 Mitarbeitern hat er bereits gesprochen, dazu kommen Gespräche mit Ausstellern. Im Frühjahr soll ein gemeinsamer Zielprozess folgen, der Ziele für die kommenden drei Jahre festlegt. Seine Ideen hält er in einer langen Liste auf dem Smartphone fest und will sie vom Team und von den Kunden hinterfragen lassen, bevor sie zu Plänen werden.
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Der Moderator aus dem Vertrieb
Wer verstehen will, wie Kaufmann führt, muss auf seinen Werdegang schauen. Er stammt aus einer Verlegerfamilie, lernte bei Herder und arbeitete danach im Außendienst und im Key Account von Random House. Bei Ravensburger wurde er Vertriebsleiter, 2006 übernahm er mit 33 Jahren die Geschäftsführung von Carlsen und führte den Verlag 20 Jahre lang, in dieser Zeit unter anderem durch die Harry-Potter- und Twilight-Jahre. Für die Bonnier-Gruppe baute er zudem Auslandsgeschäft auf, etwa durch Zukäufe in Polen. Hinzu kommen viele Jahre in der Verbandsarbeit, im Börsenverein, im Exekutivkomitee des Weltverlegerverbands IPA und zuletzt im europäischen Verband FEP.
Daraus erklärt sich sein Ton. Er sieht sich als Moderator guter Leute und nicht als Alleinentscheider. Ein guter Verkäufer rede wenig und höre vor allem zu, sagte er, und genau das tue er gerade bei Mitarbeitern, Ausstellern und Besuchern. Für den Start sei ihm wichtig, die Leidenschaft des Teams zu spüren. Nach seinen 30 bis 40 Gesprächen sei dieser Wunsch bereits erfüllt.
Mit seinem Vorgänger verbindet ihn eine Freundschaft von rund 20 Jahren. Beide stammen aus dem Schwarzwald, beide begannen ihre Laufbahn bei Herder. Entsprechend betont Kaufmann die Kontinuität. Die Messe stehe wirtschaftlich gesund da, Wandel gehöre unter Boos zum Alltag, und er könne diesen Weg fortsetzen. Die neue Gliederung der Hallen mit Fachpublikum oben und Endkunden unten, die Boos und sein Team in diesem Jahr eingeführt haben, nennt er eine brillante Idee. Er selbst sei nie darauf gekommen.
Erste Linie: die Fachmesse schärfen
Das wichtigste Ziel formuliert Kaufmann ohne Umschweife. Die Messe soll für Fachbesucher relevant bleiben und möglichst noch relevanter werden. Das größte Risiko sieht er darin, dass Profis künftig kürzer oder in geringerer Zahl kommen. Die DNA der Messe sei und bleibe das Business-to-Business-Geschäft, und ihre Rolle liege im Matchmaking und im Netzwerken.
Wer aus Asien, Lateinamerika, Afrika oder den USA anreist, soll nach Frankfurt zurückfahren und sagen, Aufwand und Kosten haben sich gelohnt. Dafür will Kaufmann Formate entwickeln, die die richtigen Leute zusammenbringen. Welche das sein werden, ließ er offen.
Seine Messlatte ist ein Gespräch mit einem Manager von Random House, der Frankfurt als den einzigen Ort beschrieben habe, an dem sich Kollegen aus aller Welt versammeln lassen. Auch inhaltlich will Kaufmann die Messe weiter fassen. Es gehe nicht nur um Bücher, sondern auch um Book to Screen und Book to Gaming, und deren Entwicklung nennt er einen entscheidenden Punkt.


Zweite Linie: das Wochenende als Festival
Die zweite Idee gilt dem deutschsprachigen Publikum. Kaufmann will am Wochenende ein großes Bücherfestival mit großen Stars und großen Bühnen etablieren. Die Grenze zieht er dabei klar. Vor Freitag werde er das nie akzeptieren, unter der Woche bleibe die Messe eine reine Fachveranstaltung. Von Freitag bis Sonntag dagegen sollen die Massen kommen.
Er knüpft damit an die Neuordnung dieses Jahres an. Früher klagten Aussteller über den Andrang, nun zieht das Erdgeschoss mit den deutschen Publikumsverlagen die Endkunden an, und die oberen Etagen gehören den Fachbesuchern. Schon am Eingang wird das Publikum auf die erste Ebene geleitet und von dort nach unten geführt. Diesen Weg will Kaufmann weitergehen. Wie das Festival aussehen soll, ist allerdings, wie er selbst sagt, noch eine Idee und kein Plan.
Dritte Linie: die Branche sichtbar machen
Die Messe soll nach Kaufmanns Vorstellung mehr sein als ein Handelsplatz. Er will der Buchbranche in der Messewoche einen deutlich größeren Scheinwerfer verschaffen. Knapp 8.000 Medienvertreter seien in Frankfurt, das sei viel, aber besonders international möchte er mehr Aufmerksamkeit erreichen. Dazu sollen mehr Politiker kommen, eingeladen zu Konferenzen über Urheberrecht, über KI und die unbezahlte Nutzung von Inhalten sowie über Leseförderung. Dass Film und sogar die Games-Branche in Deutschland mehr Aufmerksamkeit und mehr Fördergeld erhalten als die Bücher, lässt ihn nach eigenen Worten manchmal sprachlos zurück.
Damit schlägt er einen Ton an, den auch sein Vorgänger pflegt. Boos verwies im Interview mit Publishing Perspectives auf Frankfurt Calling, das kulturelle und politische Programm der Messe, und auf die Freiheit zu publizieren, für die man kämpfen müsse.
Bei der KI zeigt sich Kaufmann als Optimist, der Risiken nicht ausblendet. Für ihn ist sie Herausforderung und Chance zugleich. In seiner Auszeit absolvierte er ein intensives Training und baute inzwischen mehr als 20 Agenten. Tempo und teils auch Qualität gut gebauter Agenten verblüfften ihn. KI dürfe man allerdings nicht wie Google nutzen, und alles Erzeugte müsse geprüft werden. Wie sich diese Haltung im Messeprogramm niederschlägt, ist offen.
Was sich erst spät zeigen wird
Kaufmann weiß, dass die Zeit gegen schnelle Veränderungen arbeitet. Rund 80 Prozent des Geschäfts entfallen auf die Messe selbst, sein Geschäftsjahr habe praktisch fünf Tage. Ab etwa März müsse alles wie ein Uhrwerk ineinandergreifen, danach könne man nicht mehr in das System eingreifen. Das ist für ihn nach der flexiblen Verlagswelt neu und erzeugt Zeitdruck.
Rechnet man das mit dem angekündigten Zielprozess im Frühjahr zusammen, dürfte der Spielraum für die Messe 2027 begrenzt sein. Deutlicher sichtbar würde die neue Handschrift dann erst in den folgenden Jahren. Das ist eine Einordnung und keine Aussage Kaufmanns.
Zunächst nutzt er die Woche nach der Messe, in der viele Mitarbeiter frei haben, um am Schreibtisch seine Eindrücke und die Ideenliste zu sortieren. Danach reist er nach Guadalajara, Abu Dhabi und Anfang Januar nach New York. Insgesamt will er deutlich weniger unterwegs sein als Boos. Er lebt weiter in Hamburg, will von Montag bis Mittwoch in Frankfurt sein und Donnerstag und Freitag möglichst von zu Hause arbeiten. Sein Sohn ist 13, und der solle seinen Vater kennen.
Im ersten Jahr wird sich Kaufmanns Handschrift deshalb eher in der Methode zeigen als im Programm. Er hört zu, verdichtet und legt sich erst im Frühjahr fest. Die drei Linien, schärferes Fachgeschäft, Wochenendfestival und mehr Sichtbarkeit, sind die Richtung, an der sich seine Entscheidungen messen lassen werden.


